Komm wir machen die Häuser zur Leinwand…!

Die Freiraumgalerie ist ein urbanes Kunst- und Kulturprojekt in Halle an der Saale, das 2012 unter anderem von Hendryk von Busse im Stadtviertel Freiimfelde initiiert wurde. Freiimfelde zählte 2011 mit knapp 48% Leerstandsquote zu den am stärksten von Abwanderung betroffenen Vierteln in ganz Deutschland. Ziel der Freiraumgalerie war es, Graffiti- und Streetart-Künstlerinnen und Künstlern aus der ganzen Welt nach Deutschland zu holen und nicht nur einzelne Brandwände, sondern ganze Häuser und Straßenzüge mit ihrer Aerosolkunst zu schmücken. So wurde aus dem verlassenen Viertel für mehrere Wochen bis Monate (und seitdem) die größte Freiraumgalerie der Welt. Durch zahlreiche internationale Künstlerinnen und Künstler wurden ganze Häuserfassaden zu städtischen Leinwänden, die Straßenräume zum Veranstaltungsort für Workshops, Konzerte und Ausstellungen und ein ganzes Stadtviertel zu einem bunten und selbstbestimmten Quartier, in das auch langsam die Menschen zurück zogen. Durch die Freiraumgalerie wurde das Viertel auch über die Stadtgrenzen hinaus bekannt.

Alles begann mit einer Abschlussarbeit…


Im Rahmen seiner Diplomarbeit mit dem Thema “Entwicklungspotentiale von urbaner Kunst in schrumpfenden Städten” begab sich der Raumplaner Hendryk von Busse im Jahre 2011 auf die Suche nach dem Gebiet mit dem meisten Leerstand in Deutschland. So stieß er auf den Stadtteil Freiimfelde, ein enges Wohnquartier ohne nennenswertes Grün in der östlichen Innenstadt von Halle an der Saale, das durch eine hohe Leerstandsquote und infrastrukturelle sowie soziale Defizite geprägt war.

“Der nächste Schritt war es einfach auszuprobieren…“ (Hendryk von Busse)

In seiner Funktion als Akteur und Vermittler setzte Hendryk von Busse den Impuls, den Stadtteil zur städtischen Leinwand zu entwickeln. Nach einem Jahr der Feldforschung und Vorbereitung wurde bereits Anfang 2012 die erste freie Wand vorbereitet und eingeweiht und Kleinprojekte an Hausfassaden umgesetzt. Darauf folgte Ende des Jahres das erste Urban-Art-Festival mit dem Motto “All You Can Paint”, auf dem alle zu diesem Zeitpunkt verfügbaren Fassaden im Quartier gemeinsam mit Kindern und Jugendlichen aus der Umgebung gestaltet wurden.

Im Jahr darauf wurden weitere Flächen gestaltet und verschiedene Musik- und Kunstveranstaltungen in dem Viertel umgesetzt. Im Rahmen des 2. Urban Art Festivals wurden alle weiteren verfügbaren Fassaden gestaltet und eine neue “Hall of Fame” eingeweiht. Angesteckt von dieser ersten Aktivierungsphase wurde 2013 ein weiteres Projekt ins Leben gerufen: engagierte Bewohnerinnen und Bewohner von Freiimfelde gründeten gemeinsam einen Verein, um eine ehemalige Industriebrache wieder zu beleben. Im Jahr 2014 wurde auch die gemeinnützige Stiftung “Montag Stiftung Urbane Räume” von der Freiraumgalerie und der Stadt mit ins Boot geholt, um die Aktivitäten in Freiimfelde zu unterstützen. Die Montag Stiftung stellte das Kapital zur Verfügung, mit dem der Bürgerverein Freiimfelde eine Brachfläche in diesem Viertel kaufen konnte. So konnte die alten Industriebrache in einen offenen Bürgerpark, das FreiFeld, umgewandelt werden.

2014 hatte sich die Freiraumgalerie bereits als prägender Bestandteil der Kulturlandschaft von Halle etabliert. Beim 3. Urban Art Festival wurden 26 neue Wandbilder von lokalen, nationalen und internationalen Kunstschaffenden umgesetzt. Außerdem gab es zahlreiche Veranstaltungen: Kino, Kleinkunst, Konzerte, das traditionelle A.Y.C.P. Straßenfußballturnier, ein (Kunst-)Flohmarkt, verschiedenste Workshops, eine Street Art Werkstatt und das Ausstellungsprojekt areal17.

2015 hat die Stadt Halle (Saale) schließlich ein Pilotprojekt gewagt und das Kollektiv Freiraumgalerie mit der Erstellung eines bürgerschaftlichen Quartierskonzepts beauftragt. Das Ergebnis dieses Pilotprozesses – das “Bürgerschaftliche Quartierskonzept Freiimfelde” – hat der Stadtrat 2017 beschlossen.

Vom losen Kollektiv zu einer etablierten GbR

Aus dem losen Kollektiv aus Aktiven und Freiwilligen wurde 2014/15 ein Verbund von Selbstständigen, die 2018 schließlich eine GbR gegründet haben. Auf das Projekt Freiimfelde & Halle-Ost folgten 2016 Halle-Neustadt und weitere Stadtteile. Seit 2017/18 gibt es zunehmend internationale Kooperationen und Projekte. Neben Wandgestaltungen werden auch (künstlerische) Stadtentwicklungskonzepte und Workshops im urbanen Raum umgesetzt. Seit 2019 werden auch Projekte in anderen Städten in (Mittel)Deutschland verfolgt.
Schließlich konnte ausgehend von einer Diplomarbeit nicht nur ein ehemals schrumpfendes Stadtviertel wieder zum Leben erweckt und aufgewertet werden, sondern auch ein Kollektiv der Raumentwicklung gegründet werden, dass heute über die Grenzen Halles hinaus Projekte umsetzt.

Der rechtliche Rahmen


Da es für nahezu alle offiziellen Handlungen, Beantragungen und Kooperationen einen Trägerverein brauchte, arbeiteten sie zu Beginn mit dem Postkult e.V., der mehrjährige gute Erfahrungen in Quartiersarbeit und -entwicklung hatte, als Träger zusammen. So wurde dem Postkult e.V eine Veranstaltungserlaubnis und eine Ausschankgenehmigung erteilt. Auch die Straßenverkehrszeichenplanung, Straßensperrungen und straßenrechtliche Sondernutzung spielten eine Rolle.  Eine Veranstaltungshaftpflicht nach Anzahl der Teilnehmenden und eine Gestaltungshaftpflicht nach Anzahl der gestalteten Häuser sicherten das Ganze ab. Aus den lokalen und internationalen Kunstschaffenden hat sich schließlich das Kollektiv “Freiraumgalerie – Kollektiv für Raumentwicklung GbR” gebildet. Mittlerweile arbeiten sie auch in anderen Stadtteilen und über die Grenzen Halles hinaus. Parallel zu Urban Art und Stadtentwicklung hat die Freiraumgalerie vor allem den Schwerpunkt „Urban Development“ (Quartiers- und Stadtentwicklungskonzepte).

Soziale und rechtliche Schritte als entscheidenden Erfolgsbausteine


Im Gegensatz zu den anfangs skeptischen Wohnungsunternehmen, war die Kooperationsbereitschaft und der Gestaltungswille bei den privaten Hauseigentümerinnen und Hauseigentümern von Anfang an hoch. Es erfolgte eine intensive und wertschätzende Zusammenarbeit mit Fachbereich Planen der Stadt Halle. Ein Vorteil war, dass Freiimfelde kein ausgewiesenes Stadtentwicklungsgebiet war, es also noch keine verbindlichen Pläne gab und man so freier war.
Aus der sozialen Struktur im Viertel und dem (anfänglich großen) Freiraumgalerie-Kollektiv bildete sich eine eng zusammenarbeitende Gruppe aus Aktiven, Kreativen, Freiwilligen und internationalen Workcamp-Jugendlichen zur Unterstützung der Festivals. Schließlich konnten über das “All you can Paint” – Festival für Kinder und Jugendliche in der Nachbarschaft nicht nur nachbarschaftliche Kontakte, sondern auch Akzeptanz für das Festival gefördert werden.
Einen wesentlichen Erfolgsbaustein stellte auch der entscheidende Schritt der Stadt dar, das Kollektiv mit der Moderation eines bürgerschaftlichen Quartierskonzepts zu beauftragen.

 

Link zu diesem tollen Projekt:
www.freiraumgalerie.com

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Fotos
Das Bildarchiv von stadtstattstrand wurde durch Fotos der Freiraumgalerie vervollständigt. Vielen Dank*